"Ich halte die Quote für ein notwendiges Übel"

Karin Schüttler-Schmies
Karin Schüttler-Schmies
Pressemeldung vom 08.03.2019

Hochsauerlandkreis


Die Bedeutung von Frauen im Berufsleben und die Gleichberechtigung der Geschlechter – das sind die Themen im Interview mit Karin Schüttler-Schmies, Gleichstellungsbeauftragte des Hochsauerlandkreises. Anlässlich des Weltfrauentages am Freitag, 8. März, schildert sie ihre Sicht auf den aktuellen Stand der Gleichbehandlung.


HSK: Hat der Weltfrauentag eine besondere Bedeutung für Sie?     


Schüttler-Schmies: Ja, schon. Für mich geht es darum, an diesem Tag ein Bewusstsein zu schaffen, was in den letzten Jahrzehnten erreicht worden ist. 100 Jahre Frauenwahlrecht feiern wir zwar, aber der Prozess der Gleichberechtigung ist noch nicht abgeschlossen. An vielen Stellen ist noch keine Parität hergestellt. Das Thema „Chancengleichheit“ wird nicht mehr als Problemstellung erkannt – viele Frauen sehen schlicht keinen Handlungsbedarf mehr. Ich gebe zu: Bevor ich Gleichstellungsbeauftragte wurde, hatte der Tag auch nicht so die große Bedeutung für mich. Aber diese Position hat mir die Augen für die Dinge geöffnet. Dass Frauen bis in die 70er-Jahre nur mit Zustimmung ihrer Männer erwerbstätig sein durften - das war für mich ein Schock. Die Parität zwischen den Geschlechtern ist ein wichtiges Ziel. Wir sollten erarbeitete Positionen nicht preisgeben – man muss manchmal den Finger in die Wunde legen.


HSK: Welchen Einfluss haben die klassischen Rollenzuweisungen heute noch? Einige junge Frauen entscheiden sich dafür, langfristig Hausfrau und Mutter zu werden, obwohl sie einen Ausbildungsberuf gelernt haben. Können Sie sich diesen Trend erklären?


Schüttler-Schmies: Es ist vielleicht ein Gegenentwurf zur  Muttergeneration, die selbst berufstätig ist Die Perspektive verändert sich, wenn man Kinder hat. Grundsätzlich sollte natürlich jede Frau für sich entscheiden, wie und zu welchem Zeitpunkt in ihrem Leben sie welche Schwerpunkte setzen will. Aber sie sollte ihre eigene berufliche und soziale Absicherung nicht vernachlässigen. Wir beim Hochsauerlandkreis haben keine langfristigen „Ausstiege“ von jungen Müttern mehr. Die Mehrzahl kehrt bald nach der Geburt – zumindest in Teilzeitbeschäftigung- zurück. Ganz allgemein ist es meistens immer noch eine monetäre Entscheidung, welcher Elternteil zu Hause bleibt.  Und noch immer gibt es mit dem Ehegattensplitting Fehl-Anreize um daheim zu bleiben.


HSK: Weibliche Führungskräfte sind immer noch selten. Die Wahrnehmung von diesen Fachkräften ist oft mit der Zuschreibung von männlichen Attributen verbunden. Manchmal wird sogar behauptet, eher Frauen ohne Kinder landen in Führungspositionen. Wie nehmen Sie das wahr?


Schüttler-Schmies: Oft wird von Führungskräften erwartet, dass sie eine besonders hohe Einsatzbereitschaft und Erreichbarkeit zeigen. Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in manchen Ebenen  noch nicht selbstverständlich.  Aber auch männliche Führungskräfte fordern heutzutage diese bessere Vereinbarkeit ein und brechen überkommene Rollenverständnisse auf.


HSK: Trotz der Entwicklungen in den letzten Jahren, hat sich der Frauenanteil in Führungspositionen noch nicht signifikant erhöht. Wie sieht es beim Hochsauerlandkreis aus?


Schüttler-Schmies: Wir sind da auf einem guten Weg. Zurzeit findet die Fortschreibung des Gleichstellungsplanes statt. Und die Entwicklung ist durchaus positiv. Der Frauenanteil in der Gesamtverwaltung stieg in den letzten 12 Jahren von 42 auf 45,5 Prozent, der Frauenanteil bei den Führungskräften von 17 auf 30 Prozent.


HSK: Hat sich die Frauenrolle geändert?


Schüttler-Schmies: Das Frauenbild hat sich geändert, aber auch die Anforderungen im Beruf. Es geht in manchen Bereichen nicht mehr nur um das Körperliche. Vor allem die sogenannten „weichen Faktoren“ spielen eine Rolle. Für Frauen ist es außerdem selbstverständlicher geworden, die Berufe zu ergreifen, die sie möchten. Der Wandel hat sich besonders gut beim Rettungsdienst gezeigt. Früher war das eine Männerdomäne, heute arbeiten dort auch zunehmend Frauen.


HSK: Trotzdem schaffen es nur wenige Frauen nach „oben“.


Schüttler-Schmies: Es hängt nicht nur von der Durchsetzungsfähigkeit der Frauen ab, sondern auch von den Vorbildern. Die Leute, die  über die Besetzung von Führungspositionen entscheiden, müssen offen sein auch für eine geschlechtergerechte Besetzung. Die Mischung macht´s schließlich.


HSK: Im Gespräch ist immer wieder die Frauenquote. Was halten sie von dieser Lösung?


Schüttler-Schmies: Ich halte die Quote für ein notwendiges Übel. Ich habe ja bereits verdeutlicht, welche Rolle „die Entscheider“ spielen. Wenn durch die Quote mehr weibliche Vorbilder für junge Frauen in Führungspositionen kommen, ist das super. Wir sollten die Frauenquote einführen, bis eine Parität geschaffen ist. Danach brauchen wir sie auch nicht mehr, denn dann haben sich auch „die Entscheider“ gewandelt.


HSK: Die Digitalisierung bringt viele neue Wege des Arbeitens mit sich. Welche Möglichkeiten gibt es beim Hochsauerlandkreis?


Schüttler-Schmies: Es gibt beispielsweise derzeit gut 80 Telearbeitsplätze. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann dadurch gefördert werden. Alle Seiten, sowohl Frauen als auch Männer, sowohl Arbeitgeber als auch Beschäftigte, profitieren von diesem Wandel und auch das Selbstverständnis für solche Arbeitsplätze wächst. Heute brauchen wir über ein paar Dinge einfach nicht mehr zu diskutieren.

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